Warum das Ganze mehr ist als seine Einzelteile (1)

Heute möchte ich mich mit dem Phänomen der modernen industriellen Nahrungsmittelherstellung und Werbung beschäftigen.

Mit der Möglichkeit Inhaltstoffe von Lebensmitteln zu erkennen und teilweise Nachzubauen ist eine Bewegung entstanden, die auch Nutritionismus genannt wird. Hier wird die, meiner Meinung nach hochmütige, Meinung vertreten, der Schlüssel zum Verständnis unserer Nahrung läge im Nährstoffgehalt. Anders ausgedrückt. Lebensmittel seien die Summe ihrer Nährstoffkomponenten.

Diese Annahme ist bis heute kaum geprüft und nicht bewiesen und doch scheint sich die „moderne Gesellschaft“ auf diesen fragwürdigen Denkansatz zu berufen.

Eine zweite fragwürdige Grundannahme ist doch hier, das der Sinn und Zweck von Ernährung einzig und allein in der Nährstoffversorgung zum Zweck der Erhaltung körperlicher Gesundheit läge.

Das ist ganz sicher nicht so!

Denn auch der Genuss und die Geselligkeit spielen hier eine große Rolle.

Die Geschichte der Neuzeit ist geprägt vom Kampf der Makronährstoffe. Der Dualismus der guten Nährstoffe gegen Böse: Proteine gegen Kohlenhydrate, Kohlenhydrate gegen Fett, Fett gegen Proteine.

Durch diese Brille betrachtet degenerieren Lebensmittel zu reinen Nährstoffkonzentraten.

Der qualitative Unterschied zwischen Lebensmitteln ist kaum zu erkennen, Fleisch ist gleich Fleisch, der Rehrücken unterscheidet sich nur noch marginal vom Suppenhuhn. Die Milch wird zu einer Suppe aus Protein, Laktose, Fett und Kalzium reduziert.

Es wäre aber doch durchaus möglich, das die Vorteile und Risiken des Milch- und Butterkonsums ( beispielweise) auf ganz anderen, bisher übersehenen Faktoren (Hormone, fettlösliche Vitamine in Beziehung zu Milchfetten) beruhen. (was das genau bedeutet, lernt ihr unter anderem im Kurs Nat­urheilkundliche Ernährungsberatung)

Die Milch bleibt ein Lebensmittel, deren Komplexität uns Bescheidenheit lehrt, insbesondere wenn wir uns die lange Geschichte der Versuche ansehen Milch synthetisch herzustellen.

Die Geschichte der Säuglingsernährung war von Anfang an eine Geschichte der übersehenen Nährstoffe. Liebig übersah die Vitamine und die Aminosäuren, seine Nachfolger vergaßen die Omega-3-Fettsäuren. Bis heute entwickeln sich Babys, die ausschließlich mit künstlicher Milchnahrung gefüttert werden nicht so wie Babys, die Muttermilch trinken.

Die Milchnahrung für Säuglinge ist mehr noch als die Margarine, das Testprodukt für die Lebensmittelindustrie und ein guter Maßstab für seine Selbstüberschätzung.

Wenn ausschließlich die Quantifizierung von bereits in Lebensmitteln identifizierten Inhaltstoffen im Fokus steht, dann fällt auch der Unterschied zwischen einem verarbeiteten und dem natürlichen Lebensmittel unter den Tisch. Wir müssten uns hier Sorgen machen, das ein weiterverarbeitetes Nahrungsmittel als gesünder gelten kann als ein naturbelassenes Lebensmittel.

Unser Glück also, daß es immer noch Gegenbewegungen gibt, die das ganze natürliche Lebensmittel in den Mittelpunkt rücken.

[dieser Text gründet teilweise auf Inhalten des Buches von Michael Pollan: Lebensmittel, Goldmann-Verlag]

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